Es fühlte sich gut an, wenn er etwas mit seinen Händen schaffen konnte. Anpacken, Dinge bewegen, etwas von Wert in die Welt tragen ... Ihr helfen. Mit funkelnden Augen hatte sie ihn dann immer gefragt: »Jens, kannst du vielleicht mal …?« Und dann war er ihr Mann. Ein richtiger Mann. Einer, der einfach macht, ohne beißende Fragen. Und das war gut. Ein Regal sollte gebaut werden: Jens war zur Stelle. Ihr Lupo war kaputt. Er fuhr ihn auf die Grube und blickte drunter. Ein bisschen tüfteln, dies, das. Kein Thema. Hatten ihm ja die Brüder gezeigt. Egal, was: Jens stand Spalier. Jedes Mal. Und seit die Arbeit in seiner Heimat rar geworden war und selbst die vielen Lehrgänge und Schulungen nichts brachten, umso mehr. Denn selbst ein Jens, der vorgab, alles Lob und warme Worte nicht zu benötigen – er verlachte so etwas –, fiel immer wieder auf so einfache Dinge wie Anerkennung zurück, so sehr er sich auch wünschte, es wäre nicht so. 
Am besten kalt sein. Wie die Roboter, die er im Westfernsehen gesehen hatte. Diese Blechdosen in Krieg der Sterne. Nur funktionieren, dann könne ihm niemand etwas anhaben. Aber so funktionierte das Menschsein nun mal nicht. Und wenn zuhause mit Silke und Erik mal wieder die Welt unterging, war er stets schnell geflohen und weg. Die Flügel heben, hin zur Sonne. So wie Ikarus, nur nicht ganz so nah. Nachdem die Mutter anfänglich gestoßen und gedrängt hatte, er solle sich Silke und Erik widmen, Verantwortung übernehmen, Vater sein, all sowas, stellte sie nun keine Fragen mehr und drängte ihn auch nicht mehr zu ihnen. Vielleicht war ihr die Kraft ausgegangen. Und, ach, das liebe Herz. Es wurde schwächer.
Machte dieses Maß an Zuwendung ihre Hiebe von einst wieder gut? Jens jedenfalls stellte das Mutterherz nie in Frage. Einen sichereren Hafen fand er nie außerhalb ihres Hofes. Nicht in Nebra oder Berlin und auch nicht in Erfurt. Nein, dieser war wohl einzig im Schoß der Mutter zu finden. Doch immer wieder war die Arbeit weg. Hier mal ein paar Wochen Frankreich, dann eine Weile Pott, oder – Himmel bewahre! – Bayern … Nichts von Dauer, stets nur Brotkrumen. Gerade so viel, nicht zu sterben.

Die letzte Auseinandersetzung mit Silke war Murks gewesen – absolut unnötig. Zu spät kam er nach Hause, ins Städtchen an der Unstrut. Mit Erik hatte sie bereits das Abendessen begonnen. Jens hatte noch in seiner Werkstatt, auf dem Hof der Mutter, rumgewerkelt. Machte hier etwas, und auch dort … Das Bier war nicht allzu weit, der Keller stand voll davon. Wagner hatte zuletzt eine riesige Fuhre besorgt. Und so verschönerte Jens sich einen weiteren freien Tag.
Nebelschwaden hingen über dem kleinen Dorf. Die Sonne hatte sich seit einigen Tagen nicht mehr blicken lassen und Jens meldete sich am Morgen in Nebra ab: »Bis heute Abend!« Und dann war er auch schon weg. Silke brachte – wie immer – Erik in die Wetzendorfer Kinderkommune, musste sie doch Punkt sieben im Zementwerk sein. Jens rollte derweil den Berg nach Birkigt runter und schmiedete Tagespläne. Vielleicht aber ließ er sich auch überraschen. Schließlich gab es immer etwas zu erledigen. Man musste nur blickig sein.
An besagtem Abend saß Silkes Nachbarin – Frau Knorpel – auf ihrer Wohnzimmercouch und schaute fern. Es war das typische Prozedere: Tagespolitik, kleinere und größere Aufreger, Krieg auf dem Balkan. Dann ertönte ein Wumms, gleich darauf Geschrei und Frau Knorpel bekam es mit der Angst zu tun. Als Kind hatte sie auf einem dieser Trecks gesessen. Die Russen hüllten ihre Liebsten in Flammen. Nun saß sie in ihrem Sessel und überlegte: Was war das? Nur wenige Augenblicke vergingen, bis sie entschied, dass Nachsehen allemal besser war als Nichtstun. Für einen Moment hatte sie den Geruch verbrannten Fleisches in der Nase, hörte wieder diese Schreie, die sie ihr Leben lang verfolgt hatten. Sie erhob sich schwungvoll von ihrem Lager, schritt durch den schmalen dunklen Flur zur Wohnungstür und riss sie auf. Nichts zu sehen. Als sie dann aber im Treppenhaus stand und lauschte, flog gegenüber die Tür auf. Silke schrie: »Mach dich raus, du faules Schwein! Mach dich bloß zu deiner verdammten Mutter!«, während Jens vor ihr her aus der kleinen Wohnung stürzte. Seine rechte Hand vor den Mund gehalten, rannte er die Treppe hinab. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor. Frau Knorpel war, als wäre sie in ein Theaterstück gestolpert. Und nun stand sie mittendrin: Klimax. Sie verstand nicht gleich, doch ahnte, was vorgefallen sein musste.
Jens hatte Silke mal wieder erzürnt. Und die bekam ihr Temperament – mal wieder – nicht unter Kontrolle. Nun jagte sie ihn – erneut – aus der gemeinsamen Wohnung und an der Treppenhaustür trat sie ihm noch in seinen faulen Arsch, nachdem er ein paar unverständliche Worte gestammelt hatte.
Frau Knorpel hörte ein Schluchzen – während sich das junge Paar vor der Haustür weiter beharkte. Durch die offenstehende Wohnungstür sah sie den kleinen Erik stehen. Mit verlorenem Blick, seine Augen wanderten hin und her, nestelnd an seinen Fingern.
Das Leben hatte der alten Frau viel abverlangt: erst der Krebs ihrer geliebten Schwester, und dann der Unfall ihres Mannes im Kaliwerk. Die Kumpel hatten immerzu getrunken, und es war ja meistens auch gut gegangen. Meistens. Zu dritt kamen sie zu ihr auf Arbeit und ihre Beine konnten sie plötzlich nicht mehr tragen. Und dann wurden ihre Tage sehr dunkel. Doch sie ging ohne Unterlass weiter in die Näherei und konnte – der Witwenrente sei’s gedankt – ein gutes Leben führen, in das irgendwann wieder Ruhe eingekehrt war. Und sie lachte sogar dann und wann. Wenn die Hauswoche auf dem Plan stand, vollzog sie die Reinigung mit größter Sorgfalt. Die Aschenkübel leeren, das Beet harken, die Treppe wischen, all solche Dinge eben. Und sie hatte Silke gemocht. Vom ersten Tag an. Ihr hübsches Gesicht, wie das einer Puppe, umrahmt von einem blonden Bob, ein kleines Grübchen an ihrem Kinn. Ach, und die Fröhlichkeit, die sie mit sich herumtrug – wie freundlich sie war und hilfsbereit!
Und gleichzeitig hatte sie sie als tobenden Sturm erlebt. Und das hatte der alten Frau manchmal Angst bereitet. Frau Knorpel lief jedenfalls zu Erik, sank auf die Knie und nahm ihn in ihre Arme. »Komm, ich mache uns einen Kakao.« Er nickte – mit feuerrotem Kopf.
Später dann hatte Silke bei Frau Knorpel geklopft und sich liebevoll bei dem kleinen Kerl entschuldigt. In der gemütlich eingerichteten Stube hatte sie ihn sitzen sehen. In der Luft hing der Geruch von warmen Keksen. Erik hatte den versprochenen Kakao längst getrunken und schaute fern. Ein großer, liebenswürdiger Bär war darin mit seinem gelben Flugzeug unterwegs. Fliegen. Weg sein. Für immer. Wie die Segler, oben auf dem Berg, hatte Erik gedacht.
»Mensch, Meine, er hat dich nicht verdient.« Und sie antwortete nur: »Ja« Da sie keine Worte mehr für das alles hatte. Frau Knorpel griff sich eine Wolldecke und legte sie Silke um die Schultern. Sie zitterte.
»Aber du kommst nicht von ihm los, gelle?«
»Nein.«
»Weil ihr wie Magnete seid«, sagte die alte Frau.
Silkes Augen brannten. Ihr Magen stand Kopf. Vielleicht, weil ihr bereits lange klar war, dass ihre Nachbarin Recht damit hatte.
Sie setzte sich zu Erik, der gebannt aufs bunte Treiben auf der Mattscheibe blickte, und strich sanft über sein Haar. »Entschuldige bitte.« Minuten vergingen in Stille, und zahlreiche Fahrzeuge rauschten am Block vorbei, da sagte Erik: »Gehen wir wieder rüber, Mama?« Er lächelte. Herzergreifend. Warm. Mama sollte doch wieder glücklich sein, nicht traurig. Also griff er ihre Hand, sie sagten Tschüss zu Frau Knorpel und kurz darauf saßen sie wieder zu zweit – wie schon kurze Zeit zuvor – am Abendbrottisch.

Der vollständige Roman erscheint im Frühling 2026, wird ca. 275 Seiten umfassen und 12,99 Euro kosten.

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