Freudenland – Leseprobe #1:

Jens war nie allzu faul gewesen. Nach der Wende wollte er etwas tun und es lähmte ihn, wenn genau das nicht möglich war. Seine Brüder hatten Menschen gekannt. Die richtigen Menschen. Und irgendwann kannten diese dann auch Jens. Kurt war der Zweitgeborene, Willi der Älteste. Sie beide trennten nur wenige Jahre voneinander. Und für Jens entwickelte sich so eine Art Gesetz des kleinen Bruders. Alles würde auf irgendeinem Weg zu ihm kommen, das hatten ihm die beiden immer wieder gezeigt. 

So ergab es sich, dass er zuweilen zwei Barschichten in einer Nacht bestritt. Der Anfang fand in Tauhardt statt, dort, wo jetzt lediglich eine Ruine auf die Hauptstraße starrt, mit zerworfenen Scheiben und müde hängenden Fensterläden. Danach direkt weiter ins Nebraer Volkshaus, zur zweiten Schicht, olé! Und in Burgscheidungen wollte letztlich auch noch ein Absacker getrunken werden, weil es da immer am längsten ging. Jens schwebte zwischen Tanzfläche und Bar, die er umkreiste wie ein Schmetterling. Angezogen von all den schönen Dingen und Düften der Nacht. Irgendwann war er nicht nur bekannt, er war beliebt. Obwohl manche ihn mit seinen teuren Westklamotten als arrogant bezeichnet hatten. Und hätte jemand ihn gefragt, wie es ihm ginge, so wäre seine Antwort wohl nur ein kurzes »gut« gewesen, gepaart mit einem halb verächtlichen Lachen. Denn niemand fragte je nach dem eigenen Befinden. Wie sollte es einem Mann schon gehen? Und so vergingen solche Nächte wie im Flug. Das war sie wohl, diese Magie, von der immer alle sprachen.

Angeschlagen von den Schichten und den letzten Bieren verließ er den Tanzsaal und wankte zu seinem Wagen, der unter den Ästen einer alles überragenden Kastanie stand. Im Sommer, wenn die Sonne heiß vom Himmel brannte, spendete sie beträchtlichen Schatten. Er winkte dem Kneiper zum Abschied, der grüßte lachend. Wenige Augenblicke später drehte Jens den Zündschlüssel. Mit vernebeltem Blick bog er – äußerst behutsam – auf das Kopfsteinpflaster, das seine besten Jahre schon lange hinter sich hatte. Würden die Bullen ihn sehen, müssten die nicht lange überlegen, um zu bemerken, dass er definitiv nicht mehr hinters Lenkrad gehörte. Aber geschenkt. Er musste ja heim. Er wollte doch Silke und Erik wiedersehen. Würde er in der Karre pennen, würde das nicht klappen. Am Morgen sollte er der Mutter helfen und Kurt nach Buttstädt fahren, weil der seine »Fleppe« ja schon wieder nicht mehr hatte. Irgendeine dumme Sau hatte ihn verpfiffen, und nur deshalb standen dann die Bullen genau zu dem Zeitpunkt, als er den Schleichweg langfahren wollte.
»Nur fix die Mutter vom Geburtstag abholen.«
Er hatte es ihr doch versprochen, hatte er gestammelt. Aber das nützte nichts. Und na ja, dann lief er eben wieder.
Jedenfalls: In diesem einen Moment hätte Jens noch umkehren können. Sein Goldmobil unter die hochgewachsene Kastanie stellen und in ihrem Schutze seinen Rausch auspennen. Er hätte ebenso den Kneiper fragen können, ob er mit einer Wolldecke auf dem Festsaal »ausgehen« dürfe. Aber nein, seine Entscheidung war gefallen. Er würde nach Hause fahren. »Schaff ich schon.« Hatte ja oft geklappt. Nicht immer, doch … Oft.
Peinlich genau achtete er auf das Tempolimit. Darauf, dass er das Abblendlicht benutzte, sobald er in eine Ortschaft gelangte, oder falls ihm jemand entgegenkam. So schlich er durch Burgscheidungen und durch Tröbsdorf. Kein Mensch war zu sehen in dieser lauen Julinacht. Wer mochte verstehen, dass alle bereits in ihren Betten – oder wer weiß wo – waren? Jens jedenfalls nicht. Aber das auch nur zwischen zwei Augenblicken. Dann forderte eine scharf zulaufende Kurve seine ganze Aufmerksamkeit. Doch er meisterte sie mit Bravour. Tröbsdorfs Lichter ließ er hinter sich. Die Straße schlängelte sich durch den Wald. Unzählige Bäume, Lichtungen, Wiesen, dann wieder Waldabschnitte. Die wohlriechende Kühle in seinen Lungen; beide Scheiben heruntergekurbelt. Serpentinen, ja, doch er kannte diese Strecke ziemlich gut.
Wie oft war er sie gefahren!
Schon als Knirps, auf dem Schoß von Willi oder Kurt, um den Vater im Krankenhaus zu besuchen – oben bei den Fliegern. Damals stand es nicht mehr gut um ihn, und die Mutter weinte zu später Stunde, was Jens durch die Wand nur allzu deutlich hören konnte. Fast so klar, dass ihm das Herz zersprang. Ebenso als Kurt mit nicht sonderlich guten Chancen am selben Ort lag. Die Ärzte hatten ihn abgeschrieben und ins Hospiz rübergeschoben. Sein Zimmergenosse wartete vergeblich auf eine neue Leber. Zersoffen hatte er sich seine, das hatte er Kurt immer wieder erzählt. Und dann war auch noch der Bauch voll Wasser ... Der Zimmernachbar war irgendwann kalt und weg. Kurt aber kam zurück. Was hatten sie gebangt. Aber ihr Kurt kam wieder. Ein Wunder.

Wundersam war es auch, mit welch Eleganz Jens sich durch diesen Streckenabschnitt bewegte. Selbst wären ihm andere Fahrzeuge entgegengekommen, keines von ihnen hätte ihn in irgendeiner Form irritiert. So klar, so sicher war seine Fahrt. Das Fahren im Suff, das konnte er. Daraus machte er nie einen Hehl. Die Frage war doch eher: Wer fuhr nicht im Lack?
Hier war er nun also. Fest überzeugt, dass er seine kleine Familie noch sehen würde. Die Hochzeit der Schwiegereltern stand bevor. Und darüber würde sie mit ihm reden wollen.
FÜR IMMER?! Ihm schauderte.
Bei der Mutter und dem Vater währte das schließlich nicht allzu lange und …
Für derlei Gedanken war gerade keine Zeit.

Als er in der Ferne das Bad Bibraer Ortsschild erblickte, war er erleichtert. Bald hatte er es geschafft. Zehn Minuten noch, maximal fünfzehn. Dann würde er unten am Schotterweg auf den heimischen Hof einbiegen, vorbei am Vater und all den anderen verlorenen Seelen. Durch Schlaglöcher und Pfützen, hoch zum Schotterplatz, wo Kurt all seine kleinen und großen Schätze gelagert hielt. Er war fast schon da und konnte sich kaum noch dem Gedanken entreißen, bald in seinem Bett zu liegen. Sein Reich auf wenigen Quadratmetern.
Die Straßenlaternen ließ er hinter sich, die allerwenigsten Häuser und Blöcke schickten noch etwas Licht in die Nacht. Müssen Schichter sein, dachte er.
Ja, schon bald hatte er es geschafft, und als er nach Bibra auch noch Steinbach verließ, wusste er, nun war er gleich da. Doch seine Gedanken rasten, sie kamen und gingen. Und mancher war so süß, sodass ihm das Lenken und vor allem das Wachbleiben fortwährend schwerer fielen. Ach, mit welchem Sog es an ihm zog!
»Komm doch mit uns!«, flüsterte ihm eine Stimme.
»Du hast es geschafft!«, eine weitere.
Und einmal auch: »Lass los!«

Und als seine Lider unhaltbar wurden und er gänzlich sicher war, angelangt zu sein, ließ er los.

Hätte er sich angeschnallt, hätte seine Stirn auf der Hochzeit der Schwiegereltern nicht so eine hässliche Narbe zur Schau getragen. Vielleicht wäre dann auch sein Arm nicht derart entstellt gewesen. Wie zum Schutz hatte er versucht, den nahenden Kirschbaum mit erhobener Hand abzuwehren.
Er fuhr nicht allzu schnell. Doch der Aufprall genügte für all das, was es nun war.

Nun stand er also da. All die Traumwesen und süßen Verlockungen hatten von ihm abgelassen. Blut rann von der Stirn. Glassplitter ragten wie gierige Krallen heraus. Seine Augen brannten. Das flamboyante Hemd: versaut.

»Scheiße!«

Er entschied, die restlichen paar Kilometer nach Hause zu laufen. Würden ihn jetzt die Bullen finden! Das wäre ganz böse, dachte er finster. Und alle Leichtigkeit der zurückliegenden Nacht war mit einem Schlag von ihm gewichen.
Kein einziges Auto weit und breit. Nur die Sterne. Unzählige. Er dachte an das Aquarium, damals im Klinikum beim Vater. In der Eingangshalle stand es. Und er hatte die Fische nun wieder vor seinen Augen, wie sie sich tummelten, übereinander, nebeneinander, kreuz und quer. Einer hatte ein ganz böses Maul. Und dann sah er die Plejaden.
Nun aber: Weder Zeit noch Platz in seinen Synapsen, das wahrzunehmen. Hier und dort ein Vogelschrei. In der Ferne ein Schuss. Widerhall in den Wäldern. Hatte ihn ein Jäger gesehen? Ja, vielleicht. Aber das interessierte nicht. Und als er auf dem Hügelkamm angelangt war, sah er, dass im Zimmer seines Bruders noch Licht brannte. Das Flimmerbild der Mattscheibe strahlte in die Welt. Und so wuchs seine Hoffnung, dass Kurt alles für ihn lösen würde – mal wieder.
Jens spürte kaum mehr seine Arme, die Beine ebenso nicht. Der Suff, der Schock, welch Gnade! Jens schlug seine blutige Klaue an Kurts Fenster. Sein Haustürschlüssel lag irgendwo im Wrack. Aber das spielte keine Rolle.
Kurt, in seinem Dämmerschlaf, durchfuhr ein gehöriger Schrecken. Mit Willi und Wagner hatte er wenige Stunden zuvor noch auf die Geburt von Wagners Sohn angestoßen. Der Russe war schließlich nicht nur Geschäftspartner, er war ebenso Freund. Sein Kopf wog Tonnen, nachdem »Dr. Smirnoff« darin gewütet hatte. Doch das Knallen bedeutete ihm gleich, dass hier etwas Dringliches im Gange war. Er purzelte fast von seiner Chaiselongue.
»Du dummes Arschloch, hast du mich erschreckt!«, rief er aus dem Fenster. Da hatte Kurt noch nicht das gesamte Ausmaß gesehen. Wie kaputt der kleine Bruder tatsächlich war.
Jens erklärte rasch, was geschehen war, und dann sprangen die beiden in Kurts W50 und fuhren zum Unfallort. Und erst der bald nahende Tagesanbruch würde Jens’ Blutverlust offenbaren.
Dessen Wagen war einmal sauber um einen Kirschbaum gewickelt.
Wie schnell er gefahren war?
In der Zeit danach hatte er stets geschworen, dass es »gemäßigtes Tempo« war. Er wollte doch Silke und seinen Sohn Erik sehen, den Ordnungshütern nicht auffallen, Kurt nach »Buttschdt« fahren …
Das Trümmerfeld widersprach dieser Aussage. Kurt sah durch seinen Trunkenheitsschleier ungläubig zu Jens und beinahe hätte er ihn umarmt.
Er lag schließlich nicht neben dem zerfetzten Wagen, er saß nicht leblos oder gelähmt darin. Er stand wahrhaftig neben ihm. Glaubte Kurt an Wunder? Natürlich nicht. Das war etwas für Spinner. Hier aber, in dieser Nacht ...
»Hol das Abschleppseil von der Ladefläche«, befahl er, und der Crashpilot folgte.
Kurt in seinem Element. Jens atmete auf. Etwas Nüchternheit hatte seinen Verstand zurückerobert. Dazu hatte der Marsch ihn aufgeklärt. Er wandelte wie auf Wolken. Wie nach zu viel Kaffee ...

Damals, als Tante Adelheid noch lebte, hatte er sechs oder sieben Tassen hintereinander getrunken. Vielleicht als Mutprobe. Dann hatte er sich federleicht gefühlt und war gleichzeitig von einem inneren Feuer getrieben. Da war diese Angst, sich selbst zu verlieren; sich aufzulösen, wie Muckefuck im Wasser. Auf den Wellen des Seins hinausgetragen ins große, weite Nichts. Also schnappte er sich eine Axt und lief ins kleine Wäldchen hinter dem Gehöft seiner Familie. Gegen die Furcht vor Vernichtung und Nichtigkeit. Im Physikunterricht beim Ehde hatten sie das Thema mit dem Implodieren behandelt. Um Otto von Guericke und sein Vakuum zwischen dreißig Pferden war es dabei ebenso gegangen.

Jedenfalls band er das Abschleppseil um die Stoßstange und dann schoben die Brüder den Wagen zurück auf die Straße. Schweiß brannte auf Jens’ Stirn. Weit und breit keine Menschenseele. Langsam schälte sich erstes Sonnenlicht über die Felder. Ein Schuss in der Ferne kündete vom neuen Tag. Jens dachte: Der Mann in Schwarz hat mich verschont. Er kicherte irre und stieg in seinen Mitsubishi. Kurt fuhr behutsam an. Der Japaner ächzte und knarrte. Hat die Titanic in ihren letzten Minuten so geklungen? Doch als er Fahrt aufnahm, erstarben all die scheußlichen Töne. Erst langsam und beständig, dann rollte er. Jens, der durch die zersplitterte Frontscheibe kaum etwas sah, lehnte sich immer wieder aus dem Fenster und hielt so sein »Goldmobil« in der Spur. Der Geruch nach Sommer durchpflügte sein blutgetränktes Haar.

So fuhren die Zwei und erreichten schon bald wieder ihr Heimatdorf. Diese Geschichte würde gut enden. Tiefe Ruhe breitete sich in Jens aus. Die grünen Männlein würden nicht erscheinen, auch niemand anderes. Der Bruder und er: hundsbesoffen. Keiner würde feststellen, dass Kurt ohne Führerschein zur Rettung ausgerückt war. Und die Bullen würden dem glücklich Verunglückten seinen nicht wegnehmen.
Ja, das hier würde ein gutes Ende nehmen. Wie so oft. Sie stellten das Wrack oben auf den Platz. Diese Katastrophe auf vier Rädern.
»Ich kümmere mich, mach dir mal keinen Kopf. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.«
Diesen Spruch konnte Jens nie allzu gut leiden. Aber in diesen Morgenstunden wollte er den Worten Glauben schenken.
Kurt schwankte in den Keller und holte etwas Apfelwein. Dann setzten sie sich unter den alten Walnussbaum, den der Vater einst gepflanzt hatte. Hier waren sie ihm irgendwie nah. Nun fiel der Schock von Jens ab. Schwer wurden seine Glieder.
»Hier, trink!«
Mit gierigen Schlucken widmete Jens sich dem Most, und alles wurde in zuckersüße Watte gebettet. Kein Schmerz mehr. Nur Frieden.
»Wir bekommen das wieder hin«, sagte Kurt. Und dann sank Jens ins Reich der Stimmen hinab. Endlich diesen seidenweichen Rufen folgen …
»Du liebes Kind, komm, geh mit mir«, säuselte Jens, und sah sich in seinem schläfrigen Geist mit dem Vater am malerischen Gartenhaus in Weimar stehen. Dort, wo alles so grün und friedlich war.
»Gar schöne Spiele spiel ich mit dir«, flüsterte er zu sich selbst. »Ja, schöne Spiele. Schöne Spiele.« Als Jens auf einer verstaubten Decke in sein Traumreich entglitt, war die Sonne bereits da.
Kurt würde sich kümmern. Das wusste er. Denn das hatte er immer. Kurt würde seinem Versicherungsmann Bescheid geben. In seiner Stube hatte er ein Wildschweinfell liegen. Sein Trinkkumpan Born hatte es ihm feierlich zum Geburtstag überreicht. Was sollte man auch schenken, wenn einer über dreißig war und der größte Wunsch Arbeit in der Heimat? Na klar, eine Flasche Wodka gab es immer. Die gehörte einfach zum guten Ton. Aber sonst?
»Das wird dir mal ’n Arsch retten, wenn du ’s im Suff nich’ mehr auf dein Kanapee schaffst«, hatte der Zechkumpel gelallt.

An diesem wirren Sommermorgen stand Kurt in seiner Stube und sprach in den Raum: »Ja, dein Fell rettet nun wirklich einen Arsch. Nur nicht meinen, Born.« Ja, er würde den Versicherungsmann anrufen.
»Plötzlich stand die Wildsau vor Jens.«
»Wahrscheinlich trieb ein Jäger sie raus.«
»Da war einfach nichts zu machen.«
»Vor allem bei den ganzen Kurven.«
»Ja, die Karre ist breit.«
»Jens geht es den Umständen entsprechend gut.«
Klingt rund, oder?

Kurt schnappte sich das Fell, zupfte sich einige Borsten und legte sie in seine offene Hand. Dann ging er wieder raus zu Jens. Sein Blick fiel auf den kleinen Bruder, zu dem er in diesem Moment so etwas wie Liebe empfand. Natürlich hätte er das nie zugegeben. Dann ging er hoch zum Platz, zum Wrack.
Ja, das hier würde ein gutes Ende nehmen.
Also verstreute er das Gerupfte sorgfältig auf der Stoßstange des Mitsubishis, klopfte sich die Hände an seinem Blaumann ab, lief zu seiner Werkbank, wo er sich ein Bier aufmachte und wankte zum Telefon.

Der vollständige Roman erscheint voraussichtlich im Frühling 2026 im Eigenverlag, wird etwa 300 Seiten umfassen und um die 15 Euro kosten.

Vorbestellungen mit Signaturwunsch nehme ich gern entgegen:
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